Die tägliche Turnstunde: Vorteile und Nachteile einer langjährigen Forderung

Wer sich Statistiken und Vergleichswerte ansieht, wird schnell merken, dass die deutschsprachigen Länder (Österreich, Schweiz, Deutschland) im Vergleich zu den restlichen Staaten in Europa (insbesondere in Mitteleuropa) in Sachen Sportlichkeit eher am unteren Ende der Tabelle anzutreffen sind. Spitzen- und Leistungssport wird hier zwar gefördert, aber die breite Masse bleibt oft bis zur Pension ohne sportlichen Enthusiasmus. Gerade im Jugendalter entscheidet man sich unterbewusst, sportlich aktiv zu sein oder im Normalfall keinen Sport zu treiben. Das Problem ist, dass die meisten Gymnasiasten und Hauptschüler durch Lernen und Hausaufgaben in ihrer Freizeit derart ausgelastet sind, dass für zusätzlichen Sport kaum Zeit bleibt.

Eine Alternative kann da der tägliche Turnunterricht sein. Besonders in der Oberstufe gibt es meistens nur 2-3 Stunden Sport pro Woche, der dann oft in einem einzigen Block vorwiegend am Nachmittag abgefertigt wird. Jedoch kann eine tägliche Sportstunde den sonst geistig anstrengenden Unterricht in Sitzposition etwas lockern und hilft, die Konzentration aufrechtzuerhalten. Das behaupten zumindest die Vertreter von Bürger- und Elterninitiativen für die gesetzmässige Einführung einer verpflichtenden täglichen Sportstunde. Doch was sind die Vorteile dieser Forderung, gibt es auch negative Seiten und entsprechen die versprochenen Effekte auch der Realität?

Effektiv gegen immer stärker werdendes Übergewicht

Mittlerweile sind 2,5 Millionen Schweizer übergewichtig, circa ein Drittel von ihnen ist sogar adipös (fettleibig). Eine langfristig effektive Gegenmassnahme wäre eine tägliche Sportstunde ab dem Schulstart mit 6 Jahren bis zum Verlassen der Schule mit 18 bis 19 Jahren! Denn mit nur einer täglichen Stunde Sport könnten mehr als 400 bis 500 Kalorien verbrannt werden, zusätzlich stärkt es die Fettverbrennung durch den Aufbau von Muskelmasse und eines verbesserten Stoffwechsels. Die Folge wäre, das die Anzahl an übergewichtigen Kindern und Jugendlichen stark sinken würde, was wiederum das staatliche Gesundheitswesen deutlich entlasten würde.

Ein positiver Ausgleich

Wer täglich Sport als Jugendlicher betreibt, beugt Gelenks- und Rückenschmerzen, wie auch Verspannungen vor. Besonders in der Schulzeit, wo oft mehr als 10 Stunden pro Tag gesessen wird, ist der Effekt auf die Gesundheit selbst bei einer einzigen Schulstunde an Sport enorm. Letztendlich kann auch sozial einiges durch Sport verändert werden, beispielsweise können im Rahmen von sportlichen Übungen die Klassengemeinschaft gestärkt und Aussenseiter integriert werden.

Der Zeitfaktor

Besonders in den stressigen Monaten, wie zum Beispiel im Mai oder um die Weihnachtszeit herum, sind die Terminkalender voll und wichtige Prüfungen und Tests stehen an. Gerade in diesen Zeitabschnitten kann eine Stunde mehr oder weniger Lernen elementar sein. Würde die tägliche Sportstunde durchgesetzt werden, wären zwanzig Stunden weniger pro Monat für die Aufnahme von Lernstoff in der Schule zur Verfügung – oder die Schüler kämen erst später nach Hause und hätten weniger Zeit, zuhause zu lernen.

Resonanz der Schüler

Während viele Eltern und Lehrer von der Notwendigkeit einer täglichen Sportstunde überzeugt sind, sind die Meinungen der Schüler sehr verschieden. Einem Teil gefällt die Idee, jeden Tag innerhalb des schulischen Rahmens zu sporteln, während es andere wieder ablehnen, weil ihnen die zusätzliche Verpflichtung, mehr Sport zu treiben, übel aufstossen würde. Hobby-Sportler, die ohnehin schon in der Freizeit und nach der Schule im Fitnesscenter oder am Fussballplatz anzutreffen sind, halten die Forderung meist für unangemessen und befürworten es, Sport als Privatsache zu behandeln.

Fazit

Auch wenn die tägliche Sportstunde eine positive Auswirkung auf die Volksgesundheit und das Gesundheitssystem hätte, und langfristig eine gesündere Gesellschaft schaffen würde, ist es nicht wahrscheinlich, dass die Reform bei allen, besonders allerdings bei den Schülern, überwiegend positiv ankommen würde. Jedoch könnte eine Erhöhung der Sportstunden pro Woche einen gelungenen Kompromiss zwischen Schülern, Zeitmangel und Eltern, Lehrern und Gesundheit darstellen.